Harry, fahr schon mal den Wagen vor!

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Harry, fahr schon mal den Wagen vor!

Beitrag  Gast am Do 14 Jun 2012, 20:41

das Eingangsposting lautete :

Krimi's geschrieben oder gespielt. Welche sind gut, welche sind laangweilig, welche haben wir nicht verstanden und welche sollte es unbedingt mal geben.


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Ich brauche Erholung

Beitrag  stringa am Sa 03 Nov 2012, 17:25

nachdem es im Kachelmann-Strang und einigen anderen kaum noch möglich ist, unbehelligt von Sm198 und Demos "Ergüssen" zu schreiben, flüchte ich mal zur Literatur.

Zu Ingrid Noll (voriges Posting): Ich liebe diese Frau. Diese absolute Unbedenklichkeit, von keinem Gedanken an political correctness (Das Böse muß doch bestraft werden) angekränkelt, diese Pragmatik, da stört etwas oder jemand und wird dann (meistens sehr effektiv) beseitigt - der schwarze Teil meiner Seele jubelt.
Jaaaa, solche Bücher braucht man, um mit dem RL oder dem VL einigermaßen klar zu kommen.

Die einzige andere Frau, die ich kenne und die auch so schreiben konnte, ist Patricia Highsmith, ganz wunderbar !

Aber ich möchte heute etwas mehr Abseitiges vorstellen, den anglo-australischen Krimi-Schriftsteller Arthur Upfield
Ich bin irgendwann vor Jahren mal zufällig auf ihn gestoßen und war sofort fasziniert.
Er schrieb zwischen den Weltkriegen und danach und ist 1964 gestorben. Sein Held ist Napoleon Bonaparte, ein Mischling zwischen weiß und aborigine, der es geschafft hat, zum Kriminalinspektor in der australischen Polizeibehörde aufzusteigen.
Er ist dank der eingeborenen-Gene ein unermüdlicher Jäger, findet jede noch so kleine Spur und kann sich vor allem auch im Outback und unter der Urbevölkerung mit Sicherheit bewegen, er weiß aber auch dank Erziehung im (weißen) Waisenhaus, wie die Welt der Weißen tickt.

Es gibt ja nun eine riesige Australien-Literatur, aber ich möchte mal behaupten, daß ich durch diese Bony-Abenteuer (Napoleon Bonaparte = Bony, die Australier MÜSSEN offenbar alles abkürzen, eine Eigenschaft, die ich in andern Büchern bestätigt gefunden habe) mehr gelernt habe über den Kontinent und seine Bewohner als durch ein Kultur-oder Geographie-Studium.

Arthur Upfield kommt zugute, daß er sich viele Jahre im Land herumgetrieben hat, tausend Gelegenheits-arbeiten angenommen hat, und eine profunde Kenntnis aller Milieus erwerben konnte, von den riesigen Schaf-Ranches über die Fuhrleute, die Fischer, die Kleinstädte mit ihren Minenarbeitern, die Gebirgler, oh ja, die gibts dort auch, die Einwanderer, die ihre Kultur immer unaufdringlich (manchmal auch nicht) mit sich tragen, und natürlich die Eingeborenen.

Weitab von jeder verklärenden Romantik tauchen sie immer wieder in der Handlung auf, die großen teils immer noch unerklärbaren Fähigkeiten im Spurenlesen und Telepathie werden beschrieben, die Anpassung an die Natur und die Fähigkeit auch dort zu überleben, wo es sonst niemand möglich ist, aber auch die Schattenseiten werden vorgestellt, die rigorose Stammeskultur, die unglaublich schlechte Behandlung der Frauen (z.B. werden einer Eingeborenen die Kniesehnen durchschnitten, damit sie vor ihrer Verheiratung nicht fortlaufen kann), die riesige Anfälligkeit der Eingeborenen durch Rausch jeder Art, Zigaretten werden gegessen, es wird Batteriesäure getrunken usw.

Das alles wird in einem selbstverständlichen Tonfall erzählt, der einen sofort überzeugt. Irgendwie merkt man ja meist, obs der Autor erfindet oder erlebt hat.

Und natürlich hat Herr Upfield alle Handlungen erfunden, aber die Personen und die Landschaften, die Sitten und Gebräuche, die hat er erlebt und die sind teilweise fremdartiger, als man glauben sollte.

Leider sind nicht mehr alle Romane verfügbar, aber man kann sie sich antiquarisch zusammensuchen, ich verweise immer wieder gerne auf ZVAB (Schleichwerbung, ich kriege jeden Monat ein Buch umsonst Very Happy ),
wo man sie alle noch findet.

Natürlich gibts auch einen schönen Wiki-Artikel, aber ich schreibe lieber selbst.


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Wenn ich das so lese,

Beitrag  Lobelie am Sa 03 Nov 2012, 17:35

fällt mir auf, daß ich noch nie ein Buch eines australischen Autors gelesen habe - und noch nicht einmal eins, das in Australien spielt. Ich war auch noch nie dort. Australien ist für mich ein völlig unbekannter Erdteil.

Immerhin wohnte mal eine Australierin in meiner WG - und was die über australische Männer sagte, war schon heftig. Sportlich aber blöd, so der Tenor, echte Machos eben, die sich nur für Surfen und Bier interessieren und lieber mit ihren Buddies abhängen als mit ihren Frauen. Allerdings war sie unglücklich verliebt, und das mag ihre Sicht etwas verzerrt haben. Donnerwetter!

Hätte ich doch bloß mal Upfield gelesen, dann wäre ich jetzt schlauer Very Happy
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Nein, nein, da hatte sie durchaus recht,

Beitrag  stringa am Sa 03 Nov 2012, 18:29

deine Mitbewohnerin. Gut die Upfield-Romane spielen in einer anderen Zeit, ein zwei Generationen zurück, aber er beschreibt schon eine Macho-Kultur, wenn man sie denn so bezeichnen mag.

Die Milieus, in denen er sich herumgetrieben hat, sind schon von Männern geprägt und sehr viele Frauen, besonders die literarischen, kommen ganz schlecht weg in seinen Romanen. Außerdem scheint das Trinken damals auch unter den Frauen weitverbreitet gewesen zu sein, auch da gibts teilw. abschreckende Beschreibungen.

Auf der anderen Seite kommen manchmal bizarre Morde vor, die eigentlich gar nicht erfunden sein können, so abseitig sind die, z.B. eine Frau, die drei Morde mit Zyankali begeht, weil diese drei schlabberige Esser sind und ständig beschmutzte Westen tragen ebenso wie ein früherer Peiniger. Das ist so einfühlsam in diese Frauengestalt nachempfunden, daß man ihm selbst wohl keine Macho-Eigenschaften zuschreiben kann.
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Danke für den Tipp,

Beitrag  fab Jack am So 04 Nov 2012, 13:30

Stringa.

Hört sich spannend an - Australien kenne ich nur aus dem Kino. Peter Weir und Baz Luhrmann - letzterer hat im Film "Australia" das beste Macho Demontage Bild Ever geliefert: Supermann Hugh Jackmann als "I'm a poor lonesome cowboy" wäscht sich in der tiefsten australischen Wildnis mit Seife und putzt sich die Zähne - ziemlich banale Angelegenheit, dennoch habe ich mich weg geschmissen.

Natürlich bleibt sich Jackman ansonsten treu - Very Happy

Luhrman behandelt im Film ebenfalls die grosse Schande Australiens, nämlich die Mischlingskinder von ihren Aborigine Eltern zu trennen, um sie von der Ur Kultur fern zu halten.

Ebenfalls Thema in diesem Buch, respektive Film von 2002: Long Walk Home

http://de.wikipedia.org/wiki/Long_Walk_Home
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Stringa,

Beitrag  patagon am So 04 Nov 2012, 13:57

es gibt außer Highsmith und Noll noch andere richtig großartige ERZÄHLERINNEN.
Muriel Spark, da besonders ihre Novellen: "Portobello Road" und "Vogelruf", müssten dir eigentlich auch gefallen.
Es gibt auch Doris Lessing.
Und Pipi Langstrumpfs Mutter, Astrid Lindgren. Ist das nix?
Isabell Allende ist auch eine sehr gute Erzählerin, die in epischer Breite UND dabei spannend erzählen kann. Dann fällt mir noch Collen Mc Collaughs ein: "Die Ballade vom traurigen Cafe."

Es gibt wirklich eine Menge guter Erzählerinnen.

Und das ist es worauf es eigentlich m. A. nach ankommt, dass sie erzählen können. Die Worte zum Leben erwecken.
Wenn du Gelegenheit hast, lies vor allem mal die beiden Spark Novellen, ich denke du wirst auch den Ton mögen.
Besonders "Potobello Road" ist richtig witzig und böse.


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Jack

Beitrag  stringa am So 04 Nov 2012, 14:59

Als ich den Trailer zu "Long walk home" gesehen hatte, ahnte ich schon, daß dieser Film nicht meiner sein würde.

Ich halte ihn für schönfärberisch und kitschig. Ich glaube, daß die Einzelschicksale damals durchaus tragisch waren, halte aber die australische Art, mit den Eingeborenen umzugehen, die auf einer völlig anderen Kulturstufe als die der weißen Eroberer stehen, für pragmatischer, besser für die Gesellschaft und insgesamt besser als die der anderen weißen Eroberer in Amerika und Afrika.

Es hängt halt immer vom Blickwinkel ab. Ich bin durchaus empfänglich für Heroisches und Dramatisches, besonders Tragisches, aber der kleine Vernunft-Zwerg im Hinterkopf meldet sich dann immer mal wieder zwischendurch und meckert dazwischen.

Klar, ich geb ihm manchmal einfach eine Ohrfeige und brülle: "Jetzt halt den Rand und laß mich den Film genießen", aber ich habe festgestellt, daß das mit zunehmendem Alter schwieriger wird.

Sogar bei Braveheart, einem Film, bei dem ich hinterher völlig aufgelöst war, meldet er sich und fragt, ob man
Wallace jetzt unter Freiheitskämpfer oder Terroristen einordnen sollte. Ist doch unerhört, so was !

Um wieder auf die Aborigines zurückzukommen, du kannst zwei verschiedene Kultur-Niveaus nicht ohne weiteres nebeneinander her laufen lassen, es wird einfach nicht gehen.
Und so drastisch es klingt, sich wenigstens die Kinder der älteren Kulturstufe zu nehmen, um die in die neuere zu überführen, klingt für mich schon im Ansatz besser, als der amerikanische "Wir stopfen alle, die übrig geblieben sind, in Reservate und überlassen sie sich selbst".


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Patagon,

Beitrag  stringa am So 04 Nov 2012, 15:11

natürlich kenne ich Doris Lessing, Muriel Sparks etc. und mag sie teilweise auch, aber worüber ich schrieb, hat nichts mit der Qualität als gute Geschichten-Erzählerin zu tun.

Ich mag Ingrid Noll und Patricia Highsmith deshalb so besonders gerne, weil sie die Einzigen sind, die Moral zuweilen (nicht immer) völlig außer Acht lassen.

Das findest du nur bei ganz, ganz wenigen Schriftstellern, männlich oder weiblich, die meisten tragen ihre eigene Moral mit sich herum und bringen sie natürlich auch in ihren Büchern mehr oder weniger deutlich zum Ausdruck.

Astrid Lindgren z.B. halte ich für eine ganz große Moralistin und da habe ich auch gar nichts dagegen, obwohl ich Pippi Langstrumpf einfach nur albern finde.
"Madita" von ihr ist um Längen besser oder "Die Brüder Löwenherz" oder "Ronja Räubertochter."

Wenn ich so drüber nachdenke, was mich am Fehlen von Moral so fasziniert, dann fällt mir ein Vergleich ein.
Ein bißchen Amoral ist wie der Pfeffer beim Essen. Laughing Laughing Laughing
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Stringa,

Beitrag  patagon am So 04 Nov 2012, 17:33

Moral...

Naja, wenn du so willst sind eigentlich alle Moralisten. Auch Ingrid Noll Highsmith.

Sie haben nur eine etwas sarkastischere Sicht auf die Dinge, erleben das Leben und die Menschen um sich herum in ihrer Jämmerlichkeit und Größe. Sie lachen darüber, weil es besser und interessanter ist als zu heulen und eben auch manchmal richtig lustig.
Lindgren liegt dir halt nicht. Es ist aber auch ein Buch (nicht nur) für Kinder, aber für Kinder geschrieben.

Brecht z. B. war auch ein Riesen Moralist und hatte doch auch nicht immer recht. Im Gegenteil

Dass er später sein halbes Leben damit verbracht hat gegen sein eigenes Talent anzukämpfen und dem System zu dienen, mit Programmen, Strukturen usw. das hat er bestimmt auch selbst erkannt und es war wohl die eigentliche Tragik seines Lebens als Künstler und Genie.

Lies mal Spark.
Ich habe Ingrid Noll mal persönlich kennengelernt. Ich kann dir versichern, sie ist bestimmt nicht unmoralisch. Ganz im Gegenteil. Aber Heuchelei und lächerliche Eitelkeiten nimmt sie mit Argus Augen blitzartig wahr und entlarvt sie lachend.
Von Highsmith hat mir übrigens "Der Geschichten Erzähler" besonders gut gefallen.

Ich denke, dass Kunst nicht gezügelt werden darf.
Sie muß sich wirklich frei entfalten, sonst wird es so ein langweiliger Einheitsbrei.
Das Gegenteil von Kunst. Schön ist es natürlich immer, wenn jemand auch sein "Handwerk" beherrscht. Aber nicht alle Regeln müssen für jeden gelten.
Recht hin, Recht her oder auch "legal, illegal, scheißegal". lol!

patagon

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